Roter Fleck auf grauem Grund

Lucy schrie auf, als sich der Zipfel ihres roten Kleides an dem Holz eines alten Karrens verfing. Beinahe verlor sie das Gleichgewicht und konnte sich gerade noch so fangen.
Gehetzt sah sich das Mädchen um. Die dunklen Wolken, die seit dem Angriff bedrohlich über der Stadt hingen, schienen kurz davor, ihre kalten Fluten auf die Straßen und Bewohner loszulassen.
Aber das war nicht der Grund für die Angst des Mädchens. Überall trieb sich Gesindel herum. Bewohner, die noch vor kurzem ein Heim gehabt hatten und sich in den zerstörten Straßen tummelten. Einige auf der Suche nach Essen, andere auf der Suche nach Feuer. Und selbstredend die Angreifer; die Schatten.
Ihr Atem floh regelrecht über ihre spröden Lippen, als sie verzweifelt versuchte, den Saum ihres Kleides zu befreien. Sie suchte ihre Mutter und musste hier weg, bevor jemand auf sie aufmerksam wurde. Deswegen zwang sie sich auch darum, leiser zu atmen, doch als weder das klappte, noch ihr Befreiungsversuch Früchte trug, schossen ihr die Tränen der Verzweiflung in die Augen und ihre Arme zerrten stärker an dem Stoff. Bis dieser mit einem ekelhaften Geräusch nachgab und riss.
Traurig betrachtete sie den nun ausgefransten Saum. Das Kleid hatte ihr ihre Mama noch vor wenigen Tagen geschenkt. Ganz kurz bevor die Schatten über sie gekommen waren und Gebäude zerstört und Menschen getötet hatten.
In der Stadt herrschte Chaos. Der König war tot und die Menschen ohne Führung. Die Tore zur Oberstadt waren geschlossen worden, nachdem so viele Flüchtlinge dort hingerannt waren.
Und man sagte, die, die nicht schnell genug gewesen waren, hatten Pech. Sie steckten hier unten fest, ohne Zugang zu Essen oder Schutz, dicht gedrängt im Dreck, fast alle Gebäude zerstört und mit kaum Material, um Feuer zu machen. Die Bewohner waren erzürnt. So gereizt, dass sie sich gegenseitig an die Kehle gingen. Die Erwachsenen stritten um alles. Um das knappe Essen oder das wenige Holz, das die Steinhäuser hergegeben hatten. Manchmal schienen sie auch nur zu zanken, weil sie wütend waren.
Sie waren zum Sterben verurteilt. Lucy schniefte. Das Essen war die kleinere Sorge, denn noch gab es etwas. Mehr Angst hatte sie davor, dass es kein Holz mehr geben könnte.
Denn Feuer war das Einzige, das die Schatten im Zaum hielt und vor die Mauern zwang. Doch sie lauerten dort, direkt im Wald, der die Stadt umgab. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie angreifen würden. Sobald die letzten Feuer erloschen wären …
Lucy drückte sich abrupt in den Schutz einer halbzerfallenen Mauer, als eine Frau kreischend die Gasse entlang gerannt kam. Hinter ihr waren zwei Männer, aber das Mädchen konnte die Situation nicht komplett erfassen. Und im Grunde konnte es auch nicht lang ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Solche Szenen hatte es zu oft gegeben. Sie betete nur darum, dass man sie nicht fand.
Kaum waren die drei vorüber, drückte sie sich an der Wand entlang die Gasse hinab. Es dauerte nur einige Sekunden, bevor das Mädchen den schmerzerfüllten Angstschrei der Frau vernahm, der in einem abrupten Gurgeln endete. Lucy beeilte sich, ihre Schritte leise und doch schneller zu setzen, in der Hoffnung, ein Versteck zu finden, in dem sie sich ein wenig ausruhen konnte.
Ihr Körper war ausgezehrt vor Hunger und Müdigkeit. An ihrem Geist nagten Angst und Verzweiflung, wie niemand, vor allem kein Kind, sie jemals erleben sollten.
Die zerstörten Steine schabten ihr die baren Füße aus, Steinsplitter drückten sich in die blutigen Sohlen, aber endlich erreichte sie ein Versteck, das sie bereits vor einigen Stunden benutzt hatte. Ein Haus, das von außen bereits auf den ersten Blick nicht mehr zu retten war und keinen Schutz bot. Allerdings war die gut verborgene Treppe zum Keller noch zu gebrauchen.
Dennoch war das Mädchen vorsichtig, als es Stufe für Stufe in die Tiefe hinab schritt. Die Ohren gespitzt und die Augen konzentriert auf die Dunkelheit vor sich gerichtet, versuchte sie herauszufinden, ob jemand anderes hiervon wusste.
Zu ihrer größten Erleichterung fand sie alles verlassen vor. Niemand schien hier gewesen zu sein, also ging sie zu der Ecke hinüber, die sie sich zum Schlafen eingerichtet hatte, und ließ ihren müden Körper schwer zu Boden stürzen. Die Erschöpfung war fast zu groß, um das halbe Brot, das sie geklaut hatte, zu verspeisen. Trotzdem zwang sie sich dazu und schöpfte danach etwas von dem Wasser, das sie mit einem Krug aus der Regentonne draußen geschöpft hatte.
Licht wurde nur von einer einzelnen Kerze gespendet, da der Strom überall ausgefallen war. In den Tod geschickt hatte der Strom sie, so sagten die Leute. Die Schatten fürchteten das Feuer und so hatten sie auch die Städte gemieden. Doch der Strom konnte ihnen nichts anhaben, das Licht, das eine Glühbirne spendete, war ihnen egal. Und so hatten sie nur darauf gewartet, dass die Menschen sich immer mehr der Moderne zuwenden würden und ihre alten Bräuche starben. Und nun war es so weit.
Die wenigen Feuer, die es gab, hielten sie lediglich in Schach, doch besiegten sie sie nicht. Die einzigen Feuer, die noch lange Schutz boten, waren die dunkelblauen Flammen, die auf Podesten über der Oberstadt befestigt waren und gleichzeitig um Hilfe riefen. Ihr merkwürdiges Licht tauchte den Himmel in skurrile Farben. Schattenfeuer waren früher Schutz und Hilferuf vor den Schatten gewesen, hatte das Kind gehört.
Mit einem Schluchzen sank das Mädchen zur Seite und rollte sich auf seiner improvisierten Bettstätte zusammen. Die Knie hatte sie eng an sich gedrückt, um das bisschen Wärme, das sie hatte, nicht zu verlieren. Ihr Kopf dröhnte und sie wusste nicht, warum. Vielleicht lag es daran, dass sie mehr hätte trinken müssen. Das hatte ihr ihre Mama immer wieder erklärt. Aber sie konnte nichts dazu sagen und außerdem war das nur ihr kleinstes Problem.
Lucy vermisste ihre Mama so schrecklich und hoffte so inständig, dass diese noch lebte. Dass sie sich wiederfanden, denn eigentlich hätte die Kleine nach Hause in die Oberstadt rennen sollen, nachdem sie auf dem Markt in der Unterstadt gewesen waren, war in der Panik jedoch vom Weg abgekommen.
Damit nichts mehr so schrecklich war, wie es schien, wollte sie sich in die Arme ihrer Mutter kuscheln. Dann würde wieder alles gut werden. Ihre Mama wüsste, was zu tun wäre. Sie war bei der Stadtwache und wusste alles! Und sie suchte sicherlich ebenfalls nach ihr …
Von heißen Tränen und leisen Schluchzern begleitet, weinte sich Lucy in den Schlaf, in Gedanken nicht bei den Menschen dort draußen, sondern einzig und allein bei ihrer Mutter.
Der Schlaf war nicht nur unruhig, sondern währte auch nicht allzu lang, da wurde Lucy von hektischen Schritten geweckt. Sie riss die Augen auf und sah sich in dem Halbdunkel, das die flackernde Kerze verursachte, um. Die Flamme war fast erloschen.
Doch sie entdeckte niemanden. Dafür bemerkte das Mädchen nach einigen Augenblicken, dass die Geräuschquelle über ihr war. Es war das Getrampel vieler Personen.
Begleitet von Schreien und panischen Ausrufen. Zunächst war das Mädchen davon überzeugt, dass die Leute sich wieder gegenseitig hetzten und jagten, sodass sie gewillt war, sich in einer Ecke zu verstecken. Da bemerkte sie, was die Leute schrien. Die Schatten waren in der Stadt und überrannten deren Bewohner erneut.
So schnell Lucys Beine sie trugen, rannte sie, ohne darüber nachzudenken, zur Treppe, erklomm sie und fand sich mitten in einem dichten Regen wieder, der die Konturen der Straßen zu verwaschen schien. Einige Menschen liefen noch an ihr vorbei, doch die meisten schienen längst fort zu sein. Geflohen, obwohl sie wissen mussten, dass es kein Entkommen gab.
Ein jeder von ihnen war hier eingesperrt. Weder konnten sie die Stadt verlassen, noch gab es für sie die Möglichkeit, in die sichere Oberstadt zu fliehen, bis Hilfe von Außen ankommen würde.
Und dennoch trieb es sie alle zum großen Haupttor, das in die Oberstadt führte. Lucy war sich dessen einfach bewusst, auch wenn sie die Meute nicht mehr ausmachen konnte. Nur noch vereinzelte Personen waren zu sehen oder zu hören und das auch nur mehr schlecht als recht durch den starken Regen, der die Feuer gelöscht haben musste.
Sie fror. Ihr rotes Kleid verlor das letzte bisschen seiner strahlenden Farbe und wurde beinahe weinrot vor Nässe und ihre baren Füße übertönten fast ihren viel zu hektischen Atem, wenn sie damit in eine der zahlreichen Pfützen trat.
Ein Geräusch jedoch konnte von keiner ihrer Handlungen oder dem Regen übertönt werden …
Das hohe und in den Ohren schmerzende Zischen, das die Schattenwesen von sich gaben, während sie sich wie flüssige Dunkelheit durch die Gassen schlängelten.
Lucy kreischte auf, als sich kalte Finger um ihren Knöchel schlangen und sie den Halt verlor. Der Länge nach fiel sie in eine weitere Pfütze und keuchte erstickt, als die Luft aus ihren Lungen gepresst wurde.
Tränen sammelten sich in ihren Augen, doch selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie nicht weinen können. Auf einmal wurde das Mädchen herum geworfen und erblickte mit ihren weit aufgerissenen Augen eine Gestalt aus reinen Schatten, die sich über ihr auftürmte. Das Wesen schien keine Gesichtszüge zu besitzen und allein die scharfen Zähne, die so weiß waren, dass der Kontrast in den Augen schmerzte, zeichneten den Mund, aus eben dem ein hohes Kreischen ertönte.
Bei all dem Gerede war ihr nie klar gewesen, vor welcher Gestalt sie mehr Angst haben sollte. Vor der eines riesigen Mannes oder der einer Hundebestie.
Jetzt war jeder dieser Gedanken und Alpträume wie fortgewischt.
Erneut erklang das Zischen.
Lucy wünschte sich fast, sie könne ihre Ohren zuhalten, die gewiss von dem Geräusch bluten mussten. Aber es war nicht nur die Angst, die sie so erstarren ließ, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Es war auch der Schock.
Das Kreischen verdichtete sich und ebbte dann plötzlich ab, als der Schatten sich ganz nahe zu ihr hinab beugte, die Arme links und rechts von ihr abgestützt auf dem nassen Boden der Straße. Das konturlose Gesicht war nur Millimeter von ihrem entfernt und Lucy wusste nicht, ob sie es sich einbildete, einen eiskalten Atem auf der Wange zu spüren, oder nicht. Ihr eigener stoppte und erstarb schließlich, aus Furcht, das Wesen dadurch noch mehr auf sich aufmerksam zu machen.
Auch wenn es natürlich schon mehr als deutlich wusste, dass das Mädchen vor ihm auf der Straße aufgesetzt hatte. Nass, verängstigt, halb erfroren und halb verhungert. Der Geifer lief von den Spitzen der Zähne und tropfte ihr teilweise ins Gesicht und teilweise auf ihre Kleidung und den Boden.
Lucy begann zu zittern und war versucht, langsam zurückzukriechen, als der Schatten ihr ein Knie auf den zerfetzten Saum ihres Kleides drückte und sie somit an Ort und Stelle fesselte. Eine glitschige Zunge blitzte hervor, berührte die Haut des Mädchens allerdings nicht, denn sie warf sich genau in diesem Moment herum und zerfetzte den Stoff ihres Kleides. Der Saum gab nach und hinterließ einen Riss, der fast bis zu den Hüften klaffte.
Doch all das zählte nicht mehr. Panisch begann sie zu rennen und blendete es aus, dass der Schatten schneller sein würde.
Das Mädchen vernahm bereits das Zischen, als das Wesen ihr folgte, als sie mit einer anderen Frau zusammenprallte, und zurücktaumelte. Zitternd und nach Atem ringend erkannte sie die Frau; es war die dicke Gemahlin des Schneiders, eines Nachbarn von ihnen.
„Schatten!“, stieß sie schwer atmend aus und wollte sich weiter drängen, da packte die Frau sie an den Schultern, um sie wegzudrücken, das Gesicht vor Wut und Angst verzerrt, als der Schatten auf sie zusprang.
Lucy schrie und landete erneut auf dem Boden, jedoch nicht Gesicht voran wie eben. Dieses Mal sah sie alles. Das Wesen hatte sich auf die Frau gestürzt und die überlangen Zähne mit einem Knurren in die Kehle der Frau geschlagen, die gar kein Geräusch mehr von sich geben konnte und zunächst schwankte, ehe sie in sich einsank und das Leben in ihren Augen erlosch.
Die Kreatur achtete somit nicht mehr auf Lucy, sondern fing an, sich über ihre Beute herzumachen. Das Mädchen unterdes konnte sich vor Schreck kaum von dem Anblick des spritzenden Blutes lösen, bis ihr Überlebenswille sich meldete.
Fahrig und hastig sprang sie auf die Füße und setzte ihre Flucht fort.
Um sich herum konnte sie die Schatten hören. Menschen brüllten ängstlich oder schmerzerfüllt auf, die Schatten waren erbarmungslose Jäger, doch sie schienen sich noch zurückzuhalten und trieben die Bewohner der Stadt eher zusammen.
Lucy konnte ihren Weg durch die Regen verhangenen Gassen nur schwerlich suchen. Ihre Gedanken waren wie weggefegt und hinterließen nichts als dumpf pochende Furcht. Ihr Fluchtinstinkt übernahm und ließ sie die Schmerzen in den Füßen und die Kälte in ihren Gliedern vergessen.
Laute Rufe und das Hämmern zahlreicher Fäuste gegen massives Holz kündigten ihre baldige Ankunft am Haupttor an.
Lucy schlitterte halbwegs um die Ecke und entdeckte eine Menschenmasse, die sich vor den dunklen Toren zur Oberstadt versammelt hatte. Sie schubsten und stießen sich gegenseitig weg in ihrem Versuch, ganz bis vorne zu kommen, obwohl die Tore geschlossen blieben und die Stadtwachen auf der Mauer nur zu ihnen hinuntersahen.
„Macht auf!“, kreischte ein Mann.
„Öffnet die verdammten Tore!“ Die Stimmen mischten sich zu einem Chor der Angst und der Verzweiflung. „Hier sind Kinder!“, brüllte eine Mutter, deren Zwillinge sich an ihrem Kleid festklammerten. „Ihr habt die Pflicht, die Bürger zu beschützen! Öffnet die Tore!“
Lucy schlängelte sich durch die Meute und da keiner auf sie achtete, stand sie alsbald vor den Toren. Von hier unten wirkten sie noch viel größer und als ihr Blick langsam an dem Holz hinauf wanderte, schluckte sie. Es gab keine Chance, dort hinüber zu kommen. Auf die andere Seite zu den sicheren Leuchtfeuern, die fremdartige Schatten auf die Leute warfen, als würde sie das alles nichts angehen. Und auch vielleicht zu ihrer Mama.
Fassungslos legte die Kleine die Hände flach auf das raue Holz und ihre Augen suchten die Wachen dort oben. „Lasst uns rein!“, weinte sie laut. „Lasst uns bitte rein! Ihr könnt uns hier draußen nicht dem Tod überlassen!“
Ein paar der Umstehenden senkten ihre Aufmerksamkeit und kurz glitt ein wenig Ruhe auf ihre Mienen, ehe sie gefasst wirkten und nach oben starrten. „Lasst ihr es zu, dass ein kleines Mädchen euch um ihr Leben anbetteln muss?“, wollte ein Mann brüsk wissen.
„Wir haben die Pflicht, niemanden hineinzulassen. Ihr bleibt draußen“, antwortete eine Wache. „Zum Schutze des Adels!“
„Adel?!“, keifte die Mutter. „Wie können sie mehr wert sein als wir?“
„Der König ist tot!“, rief ein Mann zeitgleich aus. „Er ist tot und sein Volk ohne Schutz! So lasst uns rein!“ Stille trat ein, als hätte jemand allen die Fähigkeit genommen, einen Ton von sich zu geben.
Lucy wandte sich um, die Tränen auf ihren Wangen brannten, als die Kälte sie gefrieren ließ. Die plötzliche Stille wurde je unterbrochen, als die ersten von ihnen das Zischen hörten und kurz darauf die Sterbens- und Schmerzenslaute von Menschen erklangen und die Luft zerrissen. Die kurze Beharrlichkeit unter den Leuten war dahin. Die Wachen strafften sich und griffen entschlossen nach ihren Waffen, während die Menge unten in Unruhe geriet. Einige liefen Hals über Kopf los, doch alle Gassen waren versperrt, es gab kein Entrinnen mehr.
Die Schatten krochen langsam näher und zwangen ihre Beute so, immer näher aneinanderzurücken.
Als eine der Wachen die anderen laut brüllend informierte, sprangen die ersten Wesen los, als hätte es einen Signalschuss gegeben.
Lucy heulte auf, als jemand sie schubste, um selber aus dem Weg zu kommen. Chaos brach aus und sie verlor die Übersicht. Die Wachen schossen in blanker Verzweiflung auf die Angreifer und die Menschen versuchten, sich doch noch irgendwie zu retten, erreichten jedoch nur, sich gegenseitig zu behindern und umzureißen.
Das Mädchen kam auf diese Art gar nicht mehr auf die Beine und krabbelte deswegen auf allen vieren, in der stillen Hoffnung, einen Ausweg zu finden. Sie würde nur diesen Angriff überleben müssen und dann würde sie schon einen Weg in die Oberstadt finden und damit hoffentlich auch zu ihrer Mutter.
Mit einem hohen Kreischen warf sich ein Schatten auf Lucy und wollte die Zähne in ihren Hals schlagen, als ein lauter Knall ertönte und das Wesen jaulend zusammenzuckte. Die geifernden Fänge gefletscht wandte es den Kopf, offensichtlich gewillt, den Schützen ausfindig zu machen und zu zerfleischen, da bemerkte es, dass Lucy bereits weiterkroch. Knurrend schnappte es nach dem Kind und erwischte sein Opfer.
Lucy konnte nicht einmal mehr schreien, als der scharfe Schmerz durch ihren Körper jagte. Einzig ein blutertränktes Gurgeln verließ schwach ihre Lippen. Vor ihren Augen verschwamm alles und die Farben verloren sich, wuschen sich aus und hinterließen lediglich ein dunkler werdendes Grau. Alle Geräusche waren nur noch dumpf und kurz fragte sich das Mädchen, ob ihre Mama eigentlich auch schon längst tot war, ohne, dass Lucy es gewusst hatte. War ihre Suche nur vergebens gewesen? Würde sie ihre Mutter im Tode wiedersehen?
Das Wesen öffnete das Maul, sodass sie zu Boden fiel, dabei, ihren letzten Atem auszuhauchen. Sie spürte ihren Körper nicht und das letzte bisschen Welt erlosch rasch vor ihren Augen.
Als ihr ein roter Fleck auffiel. „Lucy!“
‚Mama’ Das Kind wusste nicht einmal mehr, ob sich auch nur ihre Lippen bewegten. Auch wenn ein kleiner Funke in ihr zu glühen begann. Das Rot war der Waffenrock ihrer Mutter. Die Stimme war ihre Mutter … ‚Mama’ … Ihre Lider sanken langsam hinab. Ihre Mama lebte … „Lucy!“ Der letzte klare Klang erstarb in ihren Ohren und mit dem Namen ihrer Mutter auf den Lippen glitt sie in die kalte Dunkelheit über.

Roter Fleck auf grauem Grund

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