Howlin’ – Anouschka

Durch den dichten Regen war das Heulen der anderen Wölfe kaum zu vernehmen, doch Anouschkas feine Sinne nahmen es dennoch wahr. Die Laute klangen weit entfernt, obwohl das Rudel ihr dicht auf den Fersen sein musste.
Sie rannte lieber weiter, wich jedem Ast aus, der sie durchs Brechen hätte verraten können, und hielt nach einem guten Ort Ausschau, an dem sie ins Unterholz des Waldes schlüpfen konnte. Der Regen schützte sie, sicherlich. Andernfalls hätte sie es nicht gewagt, das Rudel zu bestehlen. Aber da lag auch schon das Problem; ihr war eine ganze Meute auf den Fersen und keinen der anderen Wölfe interessierte es, dass sie sich nur eine Gans gestohlen hatte. Es ging um das Prinzip der Stärkeren. Der Mächtigeren. Derjenigen, die sich nicht durch einen Diebstahl auf der Nase herumtanzen ließen.
Unter ihrer Pfote knirschte und brach ein Ast leise über den Regen hinweg, den sie übersehen hatte.
Mehr als das Geräusch, das man durch den Regen ohnehin kaum wahrnehmen konnte, fürchtete sie, den Wölfen damit eine sichtbare Spur hinterlassen zu haben. Doch sie war auch zu gehetzt, um den Ast verschwinden zu lassen.
Nur Anouschka und ihre unerbittlichen Verfolger schienen im Wald noch zu existieren.
Ihr Herz wummerte gegen ihre Rippen, als sie endlich eine Stelle fand, an der sie unbemerkt ins Buschwerk gelangen konnte. Einen Moment lang war sie versucht, sich in dem Busch flach auf den Boden zu drücken und zu Atem zu kommen. Den Regen zu nutzen, damit sie unauffällig blieb und ihre Verfolger an ihr vorbei rennen würden.
Ihre Angst jedoch siegte und vielleicht war das auch ihr Glück. Sie würde es niemals erfahren, als sie sich dagegen entschied und weiter in den Wald eindrang, die Gans zwischen die Zähne geklemmt.
Wenigstens hatte sie sich unbemerkt einschleichen können, sodass das meiste Blut dem Geflügel bereits vor Ort aus dem Hals getropft war. Der Rest würde hoffentlich keine auffällige Spur hinterlassen.
Sie machte sich mehr Sorgen um die Federn. Aber sie hatte auch keine Wahl, als die Beute immer weiter zu schleppen. Sie musste zurück in ihre Höhle. Und sie musste es schaffen, ohne das andere Rudel zu sich nach Hause zu locken.
Der Regen prasselte schwer auf sie hinab, kaum abgefangen von den blattlosen Winterbäumen.
Anouschka wusste nicht, wo sich das Rudel befand, doch auch, wenn sie nichts mehr hören konnte, so war sie sich sicher, dass sie nicht aufgegeben hatten.
Und dennoch gönnte sie es sich zumindest einen Moment lang, zu Atem zu kommen. Ihre Lungen brannten förmlich, während sie sich in der Finsternis des Waldes umsah. Doch das dichte Blattwerk einiger immergrüner Büsche und die schwarzen Silhouetten von toten Bäumen, die den Boden pflasterten, ließen sie nicht viel erkennen.
Auch in der Luft konnte sie lediglich den Regen wittern.
Die Wölfin sah ihre Gelegenheit gekommen. Für die Dauer eines Herzschlags schloss Anouschka die Augen, ehe sie ihre menschliche Form annahm. Es schmerzte, zwischen beiden Erscheinungsformen zu wechseln. Ihre Gelenke klangen, als würden sie brechen, während ihre Gliedmaßen länger wurden, sie die meisten Haare an ihrem Körper verlor und sich die lange Wolfsschnauze zurückbildete. Als sie sich schlussendlich aufrichtete, krachte ihre Wirbelsäule.
Als sie auf dem durchweichten Boden Halt auf zwei Beinen finden musste, wurde sie kurz von Schwindel gepackt. Dann bückte sie sich, nahm die Gans auf und band sie sich an den Gürtel, ehe sie sich einem Baum zuwandte, der genau richtig erschien, um an ihm hinaufzuklettern.
In der Gestalt eines Zweibeiners fühlte sie sich gleich wesentlich wohler, war sie doch als Mensch und nicht als Wolf aufgewachsen.
Sie hatte das schöne Leben als Mensch mit stetiger Angst bezahlt, denn die Zweibeiner fürchteten sich vor Wölfen, doch noch mehr vor Zwischenbälgern wie ihr.
Auch, wenn niemand so recht erklären konnte, warum Anouschka als solches zur Welt gekommen war, ihre Eltern hatten sie geliebt und versteckt. Es ihr verboten, sich so zu zeigen. Die Erde auf den Gräbern ihrer Eltern war noch frisch gewesen, da hatte man die Minderjährige in den Wald gejagt, wo diese am Anfang versucht hatte, sich ins Wolfsrudel zu integrieren. Aber ihre menschliche Seite war immer stärker gewesen. Sie zu anders. Auch dort hatte man sie, schwanger und allein, davon gejagt, sodass sie sich nun alleine durchschlagen musste.
Das Rudel hatte sicherlich nicht die Suche aufgegeben, doch es war nicht mehr in der unmittelbaren Umgebung. In einem Kampf wäre Anouschka so oder so unterlegen gewesen, doch in der menschlichen Form hatte sie zumindest in der jetzigen Lage einen Vorteil gegenüber den anderen Wandlern, die auf ihren zwei Beinen äußerst unsicher waren. Ihre menschliche Seite war ihnen zu fremd. Sie waren gerade einmal dazu in der Lage, etwas Vieh für den Winter zu halten.
Anders hätte man in diesem toten Wald mit einem solch großen Rudel auch schwerlich überleben können. Das merkte nicht nur Anouschka, die kaum jagen konnte und deswegen auf das Stehlen angewiesen war.
Als der Wald weiterhin wie ausgestorben blieb, wagte sie es, sich langsam von Ast zu Ast zu schleichen. Darauf bedacht, weder zu stolpern, noch allzu viele Geräusche zu verursachen.
Mehr als einmal krallte sie die Finger hilflos in die nasse Rinde der Bäume, riss sich die Haut auf und fiel fast hinab. Das ein oder andere Mal sackte ihr das Herz fast in den Magen, als sie über dem kaum erkennbaren Abgrund schwebte.
So schob sie sich weiter, bis die Felsklippe vor ihr auftauchte. Hier war sie sicher. Hier war ihre Höhle, fast nicht zu entdecken, nur über die Bäume zu erreichen, da der Fels zu glatt zum Klettern war. Jeder, der nicht den Weg über die Äste nehmen wollte, würde erst den Berg besteigen und sich dann ein gutes Stück fallen lassen müssen.
Anouschka kletterte hinüber, verweilte kurz auf dem Absatz und nahm dann wieder ihre Wolfsgestalt an. Das Fell schützte sie trotz Nässe mehr vor der Kälte.
Außerdem wurde sie nach einigen Schritten von einem leisen Laut begrüßt. Das Jaulen drang aus dem Laubhaufen hervor, den sie im Herbst hierher gebracht hatte, um für sich und ihren Sohn ein Bett zu schaffen, das sie beide vor dem frostigen Winter schützen würde.
Zwei Öhrchen ragten zwischen dem braunen Laub hervor und kurz darauf drückte Theodor seine Nase in die Höhe und sah seine Mutter neugierig an. Er war klein und schwächlich und Anouschka hatte kaum Hoffnung, ob ihr Sohn die nächsten Monate überstehen würde. Doch sie war fest entschlossen, genau dafür alles zu geben.
Und wenn sie beim Rudel oder in der Stadt stehlen musste. Sie würde ihn solange hochpäppeln, bis sie mit ihm eine andere Stadt aufsuchen und dort mit ihm wohnen könnte. Damit niemand erfuhr, wer sie beide waren, und er gesund und munter aufwachsen konnte.
Sie legte sich um ihn herum, die Gans in der Nähe, und leckte ihm einmal über den Kopf. In der Höhle war es dank des Laubs wenigstens angenehm, aber ihr Sohn Theodor musste dringend mehr fressen.
Doch auch wenn sie sich alle Mühe gab, ihn zu animieren, er nahm nur einige Bissen zu sich und rollte sich dann müde an ihrem Bauch zusammen. Anouschka betrachtete das Ganze sorgenvoll, aber es war ihr auch nicht möglich, daran etwas zu ändern.
Also lauschte sie stattdessen über den Regen hinweg auf das Jaulen des Rudels oder auf andere Gefahren.
Wie jeden Abend wartete sie voller Angst nur darauf, dass sie ihre Feinde näher kommen hören würde.

Howlin’

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