Ilai 01 – Die Sternenobsession

Strider drehte die Nase in den Wind und sog einen tiefen Atemzug ein.
Ilai wusste, dass der Wolfshund etwas gefunden hatte, als kurz darauf ein dunkles Knurren erklang, das man an einem regenreichen Tag wie diesem leicht mit einem Donner hätte verwechseln können.
Ilai richtete seine Augen nur kurz auf die Gegend um sich herum, ehe er durch das nasse Fell seines besten Freundes fuhr. Striders Knurren erstarb und mit einem leisen Geräusch hob er die treuen braunen Augen zu seinem Freund, ehe er fast lautlos kläffte.
„Ja“, murmelte Ilai und setzte seinen Weg fort. Der Hund folgte ihm augenblicklich weiter auf Schritt und Tritt. „Ich weiß, dass du dich niemals irrst. Aber wir können nicht auf jeden Dämon oder jeden Geist reagieren. Solange er für uns keine Gefahr ist oder wir nicht dafür bezahlt werden, mischen wir uns auch nicht ein.“ Die Dorfbewohner hielten ihn für verrückt. Dass er mit seinem Hund sprach wie mit einem Menschen. Dieser merkwürdige Einsiedler am Rande der Ortschaft, sogar noch ein Stückchen darüber hinaus. Aber Ilai sah seinen Hund nicht nur als besten Freund an, sondern auch als das einzige Wesen, das genug Vernunft besaß, zuzuhören. Zudem wusste er, dass Strider ihn verstand.
Wie zur Bestätigung bewegte der Hund den Kopf, als würde er nicken wollen. Dann senkte er den Blick und trottete weiter. Ilai sah lediglich an den aufgestellten und hin und her zuckenden Ohren, dass der Wolfshund weiterhin lauschte. Um ihm im Notfall eine rechtzeitige Warnung zu geben.
Dankbar kraulte er ihn nochmals kurz, ehe er sich den Weg durch Ruinen und Müll bahnte, um endlich die Stadt hinter sich zu lassen. Wobei er gehört hatte, dass das, was er als Stadt bezeichnete, vor dem großen Zusammensturz wohl nur ein größeres Dorf gewesen wäre. Der Gedanke kam ihm jedes Mal, wenn er durch die Stahlgerippe alter Gebäude lief, die laut Erzählungen mal bis zum Himmel ragende Häuser gewesen waren. Unvorstellbar, denn wer sollte dort auch gewohnt haben?
Aber anscheinend war die Welt vor dem Aufbruch der Hölle ganz anders gewesen. Menschen hatten zum Beispiel selten die Augenfarbe gehabt, die er besaß. Augen von der Farbe von im Eis eingeschlossenen grünen Blättern.
Heutzutage war sie ganz normal und dafür waren braune Augen eine Rarität. Sie standen für Unschuld, denn diese Menschen waren nicht mit Magie in Berührung gekommen. Wenn es wahr war. Falls es überhaupt braune Augen gab. Ilai hatte niemals einen solchen Menschen gesehen. Nur seinen Wolfshund.
Ein leises Jaulen an seiner Seite riss ihn gerade dann aus seinen Gedanken, als er durch die Senke eines alten Brunnens stieg. Er hatte hier zur Zierde gestanden, erzählten sich die Alten, die die alte Zeit selber nicht miterlebt hatten. Und Ilai fragte sich, wieso man einen Brunnen zur Zierde aufstellte.
„Was ist?“, wisperte er. Eine Gänsehaut legte sich auf seine Arme und misstrauisch blickte er sich um. Er kannte die Antwort, noch ehe sein Hund in eine Richtung blicken konnte. Das „was auch immer“ kam näher und es war eindeutig feindselig gestimmt.
Ilai hob träge die Mundwinkel zu einem ansatzweisen Lächeln. Es war noch zu weit entfernt. Seinen kleinen Hain, in dem er wohnte, hatte er mit Schutzrunen ausgestattet. Die Stadt war zu groß für so eine Maßnahme, aber Ilai konnte gut damit leben, und gerade freute er sich, dass es bald wieder einen Auftrag geben würde.
Am liebsten lebte er von dem, was die Natur ihm gab. Doch das hieß nicht, dass er alles selber herstellen konnte. Oder der Luxus der Menschheit ihn nicht reizen würde.
Er grinste Strider zu. „Sieht so aus, als hättest du was Gutes erschnüffelt, mein Freund.“ Ein Kläffen war die Antwort. Und er liebte es, dass der Hund ihn nie dafür verachtete, nicht wie ein Samariter direkt in Bresche zu springen und den Helden zu spielen. So wie die Leute es immer taten.
Es war nicht so, als würde der Metzger ihn kostenlos vor dem Verhungern retten. Oder der Kleidungsladen seine Waren opfern, damit andere nicht frieren oder nackt herumlaufen mussten.
Wieso also sollte er sein Leben riskieren, um für diese Menschen ohne Gegenwert die Schrecken der Nacht und des Tages zu erlegen? Es war eine harte Welt, in der sie lebten, und es war nicht so, als hätte das Sternenkloster keine Spendenaufrufe. Und auch als Dämonenjäger hatte man ihn dort nicht ausgebildet.
Ilai machte das Ganze, weil er eine Begabung dafür hatte. Weil es sich gut anfühlte, eine Waffe in der Hand zu halten. Weil es das war, was er konnte und wofür die Menschen bezahlten. Niemand gab einem Musikanten oder Künstler Geld. Zumindest nicht, wenn er keiner großen Kaste angehörte.
Und das war das Letzte, das Ilai wollte. Wenn man sich auf andere verließ, dann musste man auch an ihre Gefühle und Bedürfnisse denken. Das war ihm einfach zu anstrengend. Er kam allein ganz gut zurecht. Wenn er sich nach Nähe sehnte, dann bezahlte er ein Mädchen für eine schöne gemeinsame Zeit.
Auch das bezeichneten viele als Wahnsinn. Dabei behandelte er sie wenigstens wie Menschen. Im Gegensatz zu vielen anderen, die in ihnen nur eine dreckige Abscheulichkeit sahen. Kein Lebewesen, sondern einen Gegenstand, den man lieh und benutzte.
Endlich war er am Rand seines Grundstücks angelangt. Da der Fluss ohnehin auf dem Weg in die Stadt war, platzierte er den Eimer, den er mit einem nachdenklichen Lächeln vom Boden genommen hatte, für den Rückweg bereits hier vorne und brauchte dann nicht nochmals loszuziehen. Das war vor allem beruhigend, als er den Schutzkreis passierte und die böse Aura augenblicklich abschwächte.
Auch Strider ließ die Schultern sinken und rannte nun vergnügt ein Stückchen vor. Alles war friedlich. Der Regen plästerte gegen das Blätterdach über ihm und es war bereits dunkel. Aber da die Wolken nach wie vor den Himmel zugezogen hatten, musste er seine heutige Sternenwacht wohl ohne den Anblick der Silberfunken durchziehen. Das war das einzige, das er an Regen nicht mochte. Er vermisste den Anblick der Sterne, sobald man sie am Abend nicht ausmachen konnte.

In der Nacht wurde Ilai geweckt.
Kaum hatte Strider seinen leisen Ton angeschlagen, mit dem er zwar seinen Freund wecken, doch keinen Feind vorwarnen wollte, öffnete Ilai die Augen. Ansonsten war er kein Morgenmensch, er hasste es meistens, aufstehen zu müssen, und an manchen Tagen blieb er lange nach Sonnenaufgang liegen und genoss die Kissen und Decken, auf denen er sich gebettet hatte.
Aber niemals, egal wie träge er auch sonst sein mochte, würde er die Warnsignale seines Hundes außer Acht lassen. Seine Instinkte waren auf dieses Wesen ausgerichtet wie ein künstlicher Bachlauf auf die Felder, die bewässert werden sollten.
Leise erhob er sich, drückte kurz die Schnauze seines Freundes, der augenblicklich verstummte, und wandte sich dann der Tür zu, die meistens mit einem Vorhang geschlossen war.
Auch darüber lachten die meisten. Keiner von ihnen wusste, wie heiß es manchmal nachts für jemanden sein konnte, der den Winter am meisten liebte. Zudem warnte Strider ihn nicht nur frühzeitig und er war vor allem Bösen geschützt, der Vorhang war auch noch mit speziellen Schnürungen befestigt, die ihn zwar locker erscheinen ließen, einen möglicher Angreifer aber würde höchstens dagegen laufen.
Jetzt zog er ihn zur Seite, ließ Strider und sich selbst ins Freie und den Stoff, der nun wirkte, als sei niemand hinausgegangen, wieder zurück gleiten.
Die Wolken hatten angefangen, sich aufzulösen, die Sterne schenkten ein wenig Licht und Ilai warf ihnen gleich einen erleichterten Blick zu, ehe er sich umsah. Es musste sich um einen Menschen handeln, denn nicht nur war er in einem geschützten Kreis, Strider hatte es ihm auch verraten. Bei einem Tier hätte er keinen Alarm geschlagen und bei einem Monster hätte er anders reagiert.
Ilai pfiff so leise, dass nur der Hund es hörte. Er reagierte wie erwünscht, verschwand lautlos im Unterholz und suchte nach der Störquelle.
Ilai dagegen entschied sich, auf die Vollen zu gehen. „Wer ist da?“
Nichts geschah. Einige Sekunden lang war es still wie sonst auch, aber Ilai ließ sich nicht austricksen. „Sprich!“
Das leise Knacken eines Zweiges war die Antwort und kurz darauf schob sich eine Gestalt zwischen den Bäumen hervor auf ihn zu. Ein Kind.
Na klasse…
Ilai lauschte noch weiter, dann ging er ein wenig in die Knie. „Was machst du zu so später Stunde fernab der Stadt?“
Das Kind zögerte, ehe es unter dem Schatten eines Baumes hinweg trat. Als das Sternenlicht in das junge Gesicht fiel, seufzte Ilai innerlich. Es war ein kleines Mädchen. Höchstens zwölf. Obwohl es geweint hatte, hatte es die altklugen Augen einer Überlebenskünstlerin. Wie fast alle Kinder. Dass es die kindliche Unschuld länger als die ersten vier Jahre gab, konnte man nur an den verwöhnten Blagen am Königshof sehen. Sie mussten nicht jeden Tag ums Leben kämpfen, sie konnten heranwachsen wie die Alten es als normal bezeichnet hatten.
„Die Stadt wurde angegriffen“, wisperte sie leise.
Er hatte es geahnt. „Angegriffen?“ Schon vor Jahren hatte er die Erfahrung gemacht, dass Menschen eher bereit waren, ihn anzustellen, wenn sie nichts von seiner fehlenden Vorwarnung erfuhren ihnen gegenüber. Einem Kind konnte er noch dazu nicht ins Gesicht sagen, dass er schon vorher hätte reagieren können.
Nur in solchen Momenten fühlte er sich schlecht, allerdings fing Ilai sich rasch wieder und rieb sich die Haare aus dem Gesicht. Das Kind hatte Augen, die silbern das Sternenlicht reflektierten. Und das machte es noch schwieriger, es wegzuschicken.
Also nickte er. „Willst du mit in die Hütte kommen?“
„Und die Stadt?“
„Ich brauche genaue Angaben und die gibst du mir besser in Ruhe. Also solltest du dich beeilen.“ Er nahm wahr, wie sie in ihrer Tasche eine Waffe umfasste. Sicherlich traute sie einem erwachsenen Mann nicht, der sie in seine Hütte locken wollte. Mit ein Grund, wieso Ilai Menschen hasste. Sie verletzten immer die Unschuldigen zuerst.
Manchmal wunderte er sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn die Erzengel nicht nur gestürzt, sondern auch nicht ersetzt worden wären. Dann hätte sich diese Welt selbst zerschlagen. Die Hölle hätte sich ausgerollt wie ein Teppich und wäre ebenfalls zusammengebrochen. Als letztes.
So war alles nur vermischt worden.
Das Mädchen stiefelte schließlich an ihm vorbei, behielt ihn allerdings im Auge und Ilai sagte dazu nichts. Stattdessen pfiff er Strider heran, der sofort lammfromm angetrabt kam und das Kind beschnupperte. Dann schleckte er über das schmutzige, kleine Gesicht und tapste wie ein Pferd los.
„Schönes Tier.“
„Mein bester Freund.“ Strider hatte ihn wissen lassen, dass das Kind als freundlich war. „Hast du Hunger?“
„Ich habe Angst um meine Familie.“ Das Kind war angespannt. Wie hatte es überhaupt die Flucht hierher geschafft?
Bei einem Erwachsenen hätte er darauf bestanden, nicht mit leerem Magen losgehen zu müssen. Aber einem Erwachsenen hätte er auch nichts angeboten.
„Wenigstens eine Kleinigkeit kann ich machen, während du erzählst.“ Er verwies sie auf einen Hocker, den er in seiner Kochecke stehen hatte, und schlüpfte dann in die winzige Nische, aus der er Brot und Käse zog und zwei dicke Brote daraus machte. Seins stopfte er sich gierig in den Mund, ihres stellte er auf ein Brettchen, das von der Wand hing und als sein Tisch diente.
Sie musterte es. „Es ist ein Doppelgänger. Von einem Stadtbewohner.“ Die dünnen Arme wurden von Gänsehaut überzogen.
Ilai murrte. Er hasste Doppelgänger. „Was hat er gemacht?“
„Er kam kurz nach Sonnenuntergang und riss Hausfassaden auf, trieb Stadtbewohner vor sich her und tötete. Es war schwer, die Stadt zu verlassen, er schien überall und nirgends gleichzeitig zu sein.“
„Doppelgänger“, setzte Ilai an, bemerkte jedoch, dass er mit dem Brot im Mund schlecht sprach. Also kaute er etwas schneller und schluckte. „Sie wandeln gern im Schatten. Sie sind Geister. Und echte Plagegeister noch dazu.“
„Was genau sind sie?“
„Es heißt, als die Hölle aufriss und sich mit unserer Welt verschmolz, dass unsere lebenden Seelen immer einen toten Teil in sich tragen. Er ist nicht direkt bei uns, also ist vielleicht „in sich“ die falsche Bezeichnung. Aber auf jeden Fall gibt es einen toten Teil von uns und so wie wir wachsen, wächst er auch. Und manchmal bricht dieser Teil aus der Hölle aus, versucht sich seine lebende Hälfte zu nehmen und zur Ruhe zu kommen. Wie Wasser, das jedes Quäntchen auffüllen will.“
Die Kleine riss erschrocken die Augen auf und schüttelte dann den Kopf, als würde sie ihm nicht glauben. Oder nicht glauben wollen. Das war er gewohnt. Die meisten hatten keine Ahnung, in welcher Scheiße sie lebten. Und die dummen Engel änderten nichts daran. Sie versuchten, ihre Hauptwelt wieder aufzurichten. Zum Wohle aller.
Dass er nicht lachte.
„Es war unser Nachbar“, wisperte das Mädchen. „Ich habe es genau gesehen. Es sah aus wie Mr. Henry, nur nicht mit den grünen Augen der Blätter, sondern mit den roten eines Fliegenpilzes. Ohne Punkte.“
Ein Komplementärdoppelgänger. Die waren harmloser. Sie waren nicht vollkommen. Ilai entspannte sich ein wenig. „Dann brauche ich die Hilfe deines Nachbarn.“ Ihm kurz gesagt die Kehle durchschneiden, dem Doppelgänger vor die aasigen Füße werfen und schon war alles vorbei.
„Aber ich weiß nicht, wo er ist. Und ob er hilft. Er ist ein Feigling.“
Ilai nickte und schob sich das letzte Stück seines Brotes in den Mund. Als er gemächlich seine Mahlzeit beendet hatte, erhob er sich. „Ich kann überzeugend sein. Aber du musst mir etwas versprechen.“
„Was denn?“
„Du musst hier bleiben.“
„Wieso?“ Sie blinzelte.
Und Ilai hob die Finger an. „Erstens bist du hier sicher. Zweitens bist du meine Auftragsgeberin und damit für meine Bezahlung zuständig und drittens hast du noch nicht gegessen. Außerdem kann ich kein Balg an meiner Seite gebrauchen, wenn ich einen Doppelgänger jage.“ Und sie musste nicht sehen, wie er den armen Nachbarn opferte. Ilai schmunzelte innerlich. Nicht, weil er einen Menschen opferte, denn das war in der Tat immer ein Vorgehen, das er hasste.
Doch weil es einfacher als erwartet war und weil er, da er nur einen Menschen finden und umbringen musste, durch diese Schnelligkeit wesentlich mehr Leute retten konnte, als wenn es ein aufwendiges Ritual gebraucht hätte. Oder einen langen Kampf.
Vermutlich war er wegen solcher Gedanken nicht unbedingt beliebt. Aber es war ihm einerlei. Was war daran besser, niemanden opfern zu müssen, aber Stunden zu brauchen, in denen hunderte Menschen starben? Statt einen umzubringen und dadurch die Hunderte zu retten? Er würde nie das Denken eines Durchschnittsmenschen verstehen, schätzte er.
„Ich habe kein Geld.“ Das Mädchen klang nun so leise und piepsig, dass er Mitleid empfand. Es nahm an, dass er ihr deswegen nicht mehr helfen würde.
„Das macht nichts“, murmelte er. Denn so gerecht war selbst er. Nicht nur bei Kindern. Irgendeine Bezahlung konnte jeder leisten und wenn es ein Krug Wasser an einem heißen Tag in der Stadt war. „Du musst mir nur dein Versprechen geben, dass ich einen Wunsch bei dir frei habe.“ Wieder traf ihn der Blick des Kindes, als würde er es in sein Bett zwängen oder locken wollen. „Nicht einen solchen Wunsch“, murrte er barsch. Menschen waren widerlich.
Kurz dachte es darüber nach. Dann nickte das Mädchen. „Ich verspreche es.“
„Wie ist dein Name?“
„Ebony.“
Ebenholz. Ein Naturname. Er lächelte. „Ich werde es dir nicht unangenehm machen. Der Wunsch wird harmlos und kann noch dauern.“ Sie nickte und entspannte sich etwas. Dann sah sie zu, wie er los zog.
Kaum hatte er das Tuch zur Seite geschlagen, als Strider an seine Seite kam und sich an ihn schmiegte. „Ja“, nuschelte er, „du hast mir gesagt, dass sie hier bleiben kann, also verlasse ich mich auf dich.“

Die Stadt erinnerte Ilai an das eine Mal, dass er auf einem Friedhof gewesen war. Eine gespenstische Ruhe lag über allem, völlig gleich, ob es sich um die alten Ruinen vergangener Zeiten handelte oder um die neuen Gebiete, in denen tatsächlich Menschen lebten.
Er leckte sich die Lippen und ein wenig rührte das schlechte Gewissen an ihm. Er hatte nicht geahnt, dass es sich um solch einen Geist handelte. Andererseits waren es weniger Leichen als erwartet.
Auf die erste traf er fast im Stadtkern. Eine noch recht junge Frau, deren Augen, die Farbe war wie von der Sonne beschienener Schnee, blicklos zu ihm sahen. Er knirschte mit den Zähnen, wechselte in ihre Richtung und beugte sich hinab. „Sieh mich nicht so an“, murrte er, „ich will keine Toten verantworten, ich will auch nur überleben.“ Sie änderte ihren Gesichtsausdruck natürlich nicht, also stieß er die Luft aus und strich ihr sanft über die Lider. Der sonnige Schneetag verschwand.
Strider trat an ihn heran und sog schnüffelnd die Luft direkt über ihren Haaren ein. Dann gab er ein leises Geräusch von sich und trottete ihren vorherigen Weg weiter. Ilai stimmte ihm innerlich zu. Alle waren im Tod gleich und es gebührte ihnen Respekt. Aber für sie konnte man nichts mehr machen, also war es an der Zeit, den Nachbarn aufzusuchen.
„Führ mich zum Haus des Mädchens. Vielleicht ist der Nachbar noch in der Nähe.“ Strider spitzte die Ohren, witterte und trabte dann los.
Still wie ein Schatten folgte Ilai ihm. Sie liefen zwischen den Ruinen vergangener Tage und den Bauten neuer Zeiten hinweg, während es nach wie vor still blieb und man niemanden sehen konnte. Auch die neuen Häuser waren nun teils zerstört und auf irrtümliche Weise schien es damit, als würden sich beide Zeiten so zu einer verschmelzen.
Über ihm zog sich langsam der Himmel zusammen. Wolken von höllischer Anspannung verdichteten sich und schimmerten wie der düstere Zwillingsbruder eines Regenbogens. Er sah nach oben. Sie kamen näher, aber auch der Doppelgänger schien auf der richtigen Spur zu sein. Zumindest, wenn er der Aura Glauben schenken wollte. Das war nicht gut.
Niemand wollte, dass sich beide Hälften zusammen schlossen. Einen Dämon aus Fleisch und Blut besiegte man nicht so einfach.
Sie kamen bei dem Haus an, in dem Ebony wohnte, aber alle Gebäude in der Gegend waren verlassen. Ilai hustete, als die aggressive Atmosphäre sich weiter auflud. Seine Lungen waren gereizt, als hätte er zu viel geraucht.
Und auf einmal brachen die düsteren Wolken auf und ergossen sich in eisiger Kälte über ihn und die Stadt. Ein Fluch entrang sich seiner Kehle.
„Strider?“ Der Hund blickte sofort auf und trottete an seine Seite. „Du musst es riechen. Jetzt, da der Regen fällt, sollte der Doppelgänger seinen Schutz verlassen haben. Er ist auf der Jagd, nicht mehr nach irgendwem, er jagt seine zweite Hälfte. Such!“
Strider schnüffelte und drehte sich dabei ab und an um die eigene Achse. Obwohl der Regen vom Doppelgänger verursacht wurde, verwischte er die Spuren wie richtiger Niederschlag. Zumindest ein wenig.
Ilai gefiel es nicht, wie der Regen auf die ausgestorbene Stadt prasselte, dass er sich selbst taub fühlte. Er wusste, dass der Doppelgänger keinerlei Interesse mehr an schlagenden Herzen hatte. Immerhin war er seinem Ziel sehr nah und hatte sich nun auf diesen Herzschlag eingestellt. Und dennoch wäre Ilai lieber dazu fähig gewesen, Angriffe vorher zu bemerken. Es war dieses merkwürdige Gefühl, als hätte man einen schwarzen Flecken auf dem Sichtfeld. Nicht schädlich, aber es machte einen nervös wie ein tänzelndes Pferd.
Die Sekunden, bis Strider sich angespannt bis zum Zerreißen auf einmal in eine Richtung wandte, verstrichen elendig langsam. „Hier entlang?“
Der Hund gab ein wütendes Knurren von sich. Sein Rücken bildete eine gerade Linie mit Kopf und Schwanz. Nur sein Nackenfell sträubte sich wild. Die Lefzen hatte er hochgezogen, sodass der Geifer von ihnen tropfte. „Dann lauf.“
Ilai folgte ihm auf dem Fuße. Wann immer er konnte, legte er eine Hand auf das dichte, nasse Fell seines besten Freundes.
Die Straße, der sie folgten, führte ihn zum Stadtkern und auf einmal wunderte er sich, ob der Nachbar Schutz im Sternentempel gesucht hatte. Wie anscheinend die meisten anderen Menschen, denn die Häuser waren zu rasch verlassen worden, als dass es Barrikaden gab. Niemand würde die Gelegenheit für einen Diebstahl nutzen. Und wenn doch, dann hatte dieser jemand es verdient. Ilai nach zumindest. Man musste schon ganz schönen Mut – oder eher ganz schöne Dummheit – beweisen, bei einem solchen Angriff loszuziehen und Häuser zu plündern.
Auch wenn es klüger gewesen wäre, sich von dem Rest der Menschen zu lösen. So war es Ebony auch gelungen, zu fliehen. Die meisten Kreaturen wurden von den auf geschreckten Seelen vieler angelockt. Von ihren schlagenden Herzen. Ihrem panischen Atem. Es war schlecht, sich in der Menge zu verstecken, denn die wenigsten Dämonen machten sich die Mühe, auf Einzelpersonen loszugehen, wenn woanders ein ganzes Nest auf sie wartete. Das waren keine Wölfe, die das schwächste Glied separierten. Im Gegenteil. Die Beute konnte sich ohnehin nicht wehren. Die meisten Dämonen genossen es sogar, wenn sie vor den Augen vieler Tod und Verderben bringen konnten.
„Strider…“ Der Hund verstand und bremste sich selbst. Sie waren am Dorfplatz angelangt, der normalerweise das einzig schöne an der Stadt war. Doch der Brunnen und die schwarzen Steine, aus denen alles gepflastert worden war, wirkten im dämonischen Regen trüb und blass.
Die widerliche Aura des Bösen war dichter geworden und brannte in Ilais ohnehin überanstrengten Lungen. Er war ein ganzes Stück gerannt, so schnell wie Strider. Auch wenn er es gewohnt war, hustete er und hielt sich dann einen Arm vor Mund und Nase.
Hier nahm es wahr. Der Doppelgänger war auf Mord aus gewesen. Die meisten Menschen waren früh genug gewarnt worden, um zu fliehen. Und ihr Blut hatte auf dem Brunnenplatz einen dunklen See im Regenwasser gebildet. Ihre Körper waren verrenkt, bleich. Sie waren wie makabere Felsen.
Der ein oder andere regte sich noch, stärker oder schwächer, aber es war kein Heiler von Nöten, um zu wissen, dass sie alle bald ihr Leben ausgehaucht haben würden.
Ilai ging neben einem alten Mann auf die Knie, der ihm flehentlich die Hände entgegen streckte. Er gab keinen Laut von sich, aber seine Lippen formten die stumme Bitte, ihn zu retten.
Der Jäger maß ihn. Dann die Wunde. Und würgte. Er schüttelte den Kopf, der Blick, der ihn festhielt, wurde größer und panischer. Die Hände fuchtelten mehr, doch der alte Mann hatte nicht einmal den Hauch einer Chance, zielsicher nach Ilai greifen zu können.
Der seinerseits eine Hand auf die Augen des Mannes legte und ihm mit seiner Klinge ein rasches Ende bereitete. Kein Arzt der Welt hätte ihm noch helfen können, wenn seine Organe sich bereits auf den Boden drückten. Die aufgerissene Bauchdecke klaffte dem Himmel empor. Und das Blut wurde vom Regen verwaschen.
Ilai würgte erneut und nahm die Hand erst hoch, als der bedauernswerte Mann kein Zucken mehr von sich gab.
Als er sich aufrichtete, sah er auf den Sternentempel vor sich. Seine Miene nahm einen ernsten Zug an. Dieses Unvieh hatte die Stätte der Sterne entweiht und allein dafür würde es büßen müssen.
Er umklammerte den Griff des Messers fester und ging näher. Er wusste, dass das Büßen ein bloßer Gedanke war. Doppelgänger waren meistens leicht zu beseitigen, aber nur, weil sie ihre andere Hälfte haben wollten. Sich mit einem zu messen war ein Selbstmordakt. Selten kam er sich so hilflos wie in diesem Moment vor. So machtlos.
Das schwere Tor zum Inneren des Tempels gab ein leises Knirschen von sich, doch Ilai scherte sich nicht darum. Der Doppelgänger hatte sein Herz ohnehin schon gehört.
Drinnen sah es noch viel schlimmer aus als draußen. Alle Möbel waren zerbrochen und umgerannt und Ilais Schuhe klebten förmlich am dunklen Boden fest.
Der Jäger blickte sich um, ließ die Schultern aber wie von selbst ein Stückchen hinabsacken. Der Innenraum des Tempels war aus dunklem Stein und gespickt von Kerzenhaltern und Spiegeln, die die großen Sternenkonstellationen nachbildeten.
Noch vor wenigen Stunden war er zum Gebet hier gewesen. Nun war alles entweiht und zerstört.
Strider knurrte und legte erneut die Ohren eng an. Er war nervös. Zu Recht. Obwohl Ilai ihm beruhigend eine Hand in den Nacken legte, war auch er selbst mehr als angespannt.
Es schien niemanden mehr in dieser Kirche zu geben, der lebte. Alle, die nicht gestorben waren, waren wahrscheinlich weiter geflohen. Vermutlich in die Gänge unter dem Tempel. Hoffentlich hatten sie sich darin, so gut es ging, aufgeteilt.
Nur eine Person war noch da und Ilai spürte es selbst mehr, als dass er es sah. Er drehte den Kopf, spähte in die Dunkelheit vor sich und sah, dass die Tür zum Raum neben dem Altar offen stand. Normalerweise hatte sie immer verschlossen zu bleiben. Ein leises Wimmern war wahrzunehmen. Rasche Worte, ein Gebet, das zu einem Summen verwuchs.
Und als Ilai nun näher trat, sah er auch, wieso sie geöffnet war. Der Sternenpriester hatte sich dorthin zurückgezogen, in einen Schutzkreis, der für eine Person ausreichte. Er kniete dort und betete, die Hände auf dem Stein vor sich, das Haupt gesenkt.
Und dennoch sah der Jäger an der Haltung des Mannes ganz klar, dass es der Nachbar sein musste. Dieses Detail hatte die kleine Ebony für sich behalten. Vielleicht waren ihre Eltern nicht sehr gläubig, dabei hatten sie ein Sternenlichtkind.
„Priester…“ Ilai kam näher und der Mann hob das verquollene Gesicht. „Ihr müsst aus diesem Kreis austreten.“
„Aber es würde mich töten!“
„Es hat schon viele getötet, weil ihr euch verdrückt habt.“ Ilai ließ die Klinge aufblitzen. Für ihn war es kein Problem, in einen Schutzkreis zu treten, und Strider würde jede Flucht im Keim ersticken.
Sein Mitleid mit dem Nachbarn hatte sich gelegt. Feigling. Ein Sternenpriester sollte immer zuerst für seine Gemeinde sterben und sich nicht feige in einem Schutzkreis verkriechen. Er leckte sich die Lippen.
„Nein…“ Der Priester erhob sich empört, die pauswangigen Backen rot vor Wut. „Es will mich. Und je mehr es sich auf mich konzentriert, desto mehr Zeit hatten all die anderen zu fliehen!“ Er deutete auf die Ecke, wo eine wabernde Wolke über dem Boden schwebte. Ein Doppelgänger, der seine Kraft sammelte. Verflucht, Ilai hatte nicht mehr viel Zeit.
„Die Kreatur wird bald erneut erwachen. Sie wird diesen Schutzkreis einreißen wie nichts, Euch töten und die gesamte Stadt zerlegen. Kommt da raus und lasst es uns beenden.“
Der Priester starrte auf die Waffe.
Zu lang.
Mit einem Schrei erwachte die Gestalt genau in jenem Moment zum Leben, in dem Ilai einfach den Priester überfallen wollte. Mit einem Menschen bestand keinerlei Ähnlichkeit mehr. Das Wesen war verschiedenfarbig, ein langer Schlauch aus Rauch, mit blitzenden Augen und scharfen Krallen.
„Strider!“ Der Hund, der seinen Freund mit allen Mitteln schützen wollte, stürzte nach vorne, obwohl es keinerlei Hoffnung gab. „Nein!“
„Du heilige Nacht…“ Der Priester erstarrte vor Angst und ließ dabei die Schultern sinken. Und Ilai, dem es zwischendurch doch leid getan hatte, dem alten Mann das Leben nehmen zu müssen, wandte sich ohne zu Zögern von seinem Freund und dem Doppelgänger ab. Tränen tropften zu Boden, als er ein hohes Jaulen hinter sich vernahm. Doch er zwang sich, sich nicht umzudrehen, griff stattdessen nach dem Priester und schlitzte ihm die Kehle auf.
Das Blut besudelte ihn, aber er achtete nicht darauf, sondern warf dem Monster nur zu, was es haben wollte. Der Priester röchelte, taumelte und stolperte dann.
Die scharfen Krallen drangen in seinen sterbenden Körper ein und der Doppelgänger nahm ihn, fast schon liebevoll, hoch und verschwand mit ihm, als wäre er nur zum Samstagseinkauf vorbeigekommen und hätte nicht einen guten Teil der Bevölkerung ausgelöscht. Ein Glück, schoss es Ilai durch den Kopf. Normalerweise achtete er darauf,  mögliche Opfer so zu töten, dass es wie von dem Dämon gemacht aussah. Er achtete immer darauf, wie sie ihre Beute töteten. Denn sie konnten es alle nicht gebrauchen, wenn er des Mordes bezichtigt würde.
Aber dieses Mal war keine Zeit gewesen. Allerdings auch keine Leiche.
Ilai stapfte auf Strider zu und ging zu Boden. Der Hund hechelte voller Schmerz, aber als Ilai keine äußere Verletzung wahrnehmen konnte, weinte er vor Freude. Sein Freund würde es schaffen. „Ich hatte so Angst um dich“, wisperte er und streichelte den riesigen Wolfshund zwischen den Ohren. „Was hast du dir nur dabei gedacht.“
Als Antwort wurde ihm über die Hand geleckt. Er lachte leise.

Ilai 01 – Die Sternenobsession

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