Cover "Above All Else - The Ocean Wind's Desire"
(Copyright: Das Bambusblatt / Design: altmanns-art / Copyright Foto Schiff: Pierre Fromentin)
(Das Foto zeigt den Frachtsegler Tres Hombres)

Prolog – Hunter’s Moon

David Callahan seufzte. Er musste zugeben, er war nicht sonderlich angetan von dem Plan des anderen Captains. Es war ein gefährliches Unterfangen. Langsam schüttelte er den Kopf.
Niemand achtete auf ihn.
Lacroix hieb seinen Humpen auf den Tisch und lachte laut auf. „Verrückter Hund!“
David hätte ihm zugestimmt, doch er war sich sicher, dass der Mann es positiver meinte, als er selbst es getan hätte. Seine Augen funkelten verräterisch und David sah die Gier darin.
Erneut stieß er die Luft aus und dieses Mal hatte er die Aufmerksamkeit der Anwesenden.
„Natürlich“, spottete der Vierte im Bunde, „Callahan hat wieder was auszusetzen, was?“
David musterte den Mann, ohne sich von dessen Alter beeindrucken zu lassen. Er war selbst nicht mehr der Jüngste, wenn man nach Piratenmaßstäben urteilte, und er ließ sich von dem anderen ungern als Bursche abstempeln und wie jemand behandeln, der noch nicht wusste, was er tat.
„Ich habe durchaus Bedenken, Captain Hadley, aye.“
„Was kann da schon schief gehen?“ Lacroix lachte abermals. „Wir haben eine Flotte, sie nur ein Kriegsschiff.“
„Davon können wir nicht sicher ausgehen. Und auch das Handelsschiff wird bewaffnet sein, der Wert ist zu hoch, als dass die Briten ein Risiko eingingen.“
„Selbst zwei Kriegsschiffe …“
David maß Lacroix. „Bevor Ihr Pläne schmiedet, solltet Ihr weniger trinken.“
Ein schiefes Grinsen war die Antwort. Lacroix war ein fähiger Seemann, das hatte er oft genug unter Beweis gestellt, doch er ließ sich auch zu leicht verlocken. So war es schon immer gewesen und nun, da er sein eigenes Kommando führte, war das keinen Deut besser geworden.
„Stellt Euch den Reichtum vor“, schwärmte Waylon Colins, der den Plan erst auf den Tisch gebracht hatte.
„Aye!“, warf Lacroix dazwischen. „Nicht nur das Gold. All die funkelnden Edelsteine! Und den Ruhm.“
David verdrehte die Augen.
„O bitte, Callahan! Ihr könnt mir nicht weismachen, dass Ihr daran nicht interessiert seid.“
„Nun, Callahan“, brummte Hadley, „ich denke, Euer ehemaliger Bootsmann kennt Euch gut genug.“
David war drauf und dran, aufzustehen und die Taverne zu verlassen. Leider hatten Lacroix‘ Worte wirklich sein Interesse an dieser Prise geweckt und das konnte er nicht leugnen. Es mochte verschiedene Gründe geben, warum er Pirat geworden war, doch Ruhm und Reichtum waren mit Sicherheit zwei davon.
„Ich halte es für zu riskant“, gab er ein weiteres Mal zu bedenken, während ein Teil von ihm sich bereits Gedanken darüber machte, wie sie diesen Plan doch in die Tat umsetzen konnten. Nachdenklich blickte er auf die Karte der Bahamas, die Colins vor ihnen ausgebreitet und auf der er die Route des Schatzschiffes mit einem Faden markiert hatte.
„Ah“, machte Lacroix und David konnte aus dem Augenwinkel sehen, wie er sich auf dem Stuhl zurücklehnte, ehe er einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen nahm.
Murrend tat David es ihm gleich. Ein wenig Rum beflügelte vielleicht seine Überlegungen.
„Sie ist nur ein kleines Schatzschiff“, gab Colins von sich. „Nicht die spanische Schatzflotte.“
„Aye, und dennoch reich beladen und demnach gut bewacht.“ Vermutlich bekämen sie es wirklich nur mit einem Begleitschiff zu tun, doch es wäre besser, von zweien auszugehen.
„Was glaubt Ihr, wie groß das Kriegsschiff sein wird?“
„Wenn sie mit Schätzen und nicht nur Handelswaren beladen ist, werden wir es nicht mit einer einfachen Brigg zu tun haben, die mit zwölf Neunpfündern ausgestattet ist.“
„Aber doch nicht etwa eine Fregatte?“
David schüttelte den Kopf. Andererseits … „Wir sollten von einer ausgehen.“
Er hätte mehr Informationen bevorzugt, doch die Zeit blieb ihnen nicht. Verdammt, dachte er wirklich schon so darüber nach, als hätte er diesem riskanten Plan zugestimmt?
Er musste sich wohl eingestehen, dass ihn die Schätze doch mehr lockten, als er zugeben wollte. Und Lacroix hatte das genauestens gewusst, als er sie erwähnt hatte.
„Also schön“, murrte er. „Wenn wir in zwei Tagen bei Sonnenaufgang in See stechen, könnten wir sie hier abfangen.“ Er tippte mit dem Finger auf eine nahegelegene Insel, die ihnen gute Deckung bieten würde. Von Nassau aus würden sie keine Woche dorthin benötigen.
„Ha!“ Ein weiteres Mal landete Lacroix‘ Humpen schwungvoll auf dem Tisch.
„Wusst‘ ich’s doch! Den alten Callahan hat bisher noch jeder Schatz voller Edelsteine gelockt.” Er lachte rau.
David ignorierte diesen Kommentar. Er enthielt zu viel Wahrheit, als dass er sich dazu äußern wollte. Stattdessen konzentrierte er sich wieder auf den Plan. Gott, er hoffte, ihnen würde kein Linienschiff auflauern, mit 50 oder mehr Geschützen konnten sie es nicht aufnehmen.
„Unser Vorteil ist nicht unsere Feuerkraft“, meinte er deswegen, „sondern die Anzahl unserer Schiffe. Captain Hadley mit seiner Brigg und ihren Zwölfpfünderkanonen sollte sich das Schatzschiff vornehmen. Wir anderen kümmern uns um das Kriegsschiff.“
„Eine Schonerbrigg und zwei Schoner gegen ein Kriegsschiff der Navy“, brummte Lacroix.
David nickte. „Unsere Schiffe sind schnell genug, um sie in die Mangel und von drei Seiten unter Beschuss zu nehmen. Sie können sich nur auf einer wehren.“
„Damit opfern wir unter Umständen eines unserer Schiffe.“
„Nun“, David lehnte sich zurück und verschränkte die Arme locker vor der Brust, „meine Idee war diese Prise nicht.“
„Wir müssen nur schnell genug sein“, mischte sich Colins ein.
„Aye.“ David deutete wieder auf die Karte. „Wir setzen Späher an Land und verstecken uns hinter der Landzunge. Das Kriegsschiff wird sich wohl nicht in unmittelbarer Nähe befinden, wir müssen also nur das abfangen und zusehen, dass uns das Schatzschiff dabei nicht entwischt. Die werden einem Kampf aus dem Weg gehen.“
Zu seiner Linken erklang ein Schnauben. „Wer hat Euch eigentlich zum Anführer dieser Sache gemacht?“, brummte Hadley.
David unterdrückte einen Fluch. Der Mann hatte ihn von Anfang an nicht respektiert, dabei hatte er sich oft genug bewiesen. „Wenn Ihr einen besseren Vorschlag habt, nur zu.“
Das schien dem alten Piraten den Wind aus den Segeln zu nehmen, denn er klappte seinen Mund wieder zu und begnügte sich damit, ihm düstere Blicke zuzuwerfen. Die konnte David getrost ignorieren. Verdammt, er wusste, dass er besser war als Hadley. Dieser verfluchte Hund wollte das nur nicht akzeptieren.
„Mir ist einerlei, von wem der Plan stammt“, warf Lacroix dazwischen, obwohl David nicht glaubte, dass er es tat, um ihn zu unterstützen. „Solange er funktioniert. Und für mich klingt er sinnvoll.“ Vielleicht hatte er auch nur die Schnauze voll von einem alternden Mann, der ihm sagen wollte, was er als Pirat von Nassau zu tun und zu lassen hatte.
„Aye“, fügte Colins an und damit war Hadley überstimmt.
David nahm einen Schluck von seinem Rum. „Dann schlage ich vor, jeder hier anwesende Captain bereitet morgen sein Schiff vor. Wir können es uns nicht leisten, zu lange zu warten. Und dass wir am Abend die letzten Details besprechen.“
Alle drei stimmten ihm zu, Hadley hatte schließlich keine andere Möglichkeit mehr, wenn er etwas von dem Schatz sein Eigen nennen wollte. Und wenn David ehrlich war, war er froh darüber, dass Hadley sie begleiten würde. Vielleicht hätten sie es auch zu dritt geschafft, doch die Journey war nun mal das Größte ihrer vier Schiffe und damit am stärksten bewaffnet.
Er trank seinen Humpen leer und erhob sich. Wenn alles reibungslos vonstattengehen sollte, musste er noch heute Abend mit seinem Quartiermeister sprechen. Über den Unmut der Mannschaft über einen spontanen Aufbruch machte er sich keine Gedanken. Sollte der Plan sich als fehlerfrei erweisen, würden sie reichlich dafür entlohnt. Doch da er das Auslaufen der Ocean Trail erst für einige Tage später angesetzt hatte, gab es noch eine Menge zu erledigen.
Und noch dazu hatte er keine Lust, sich nach dieser Diskussion für den Rest des Abends mit Lacroix, Hadley und Colins in der Taverne herumzuschlagen.

~*~

Die Segel der Ocean Trail entrollten sich mit einem mächtigen Rauschen und beinahe augenblicklich nahm die kleine Schonerbrigg an Fahrt auf. Hadleys Journey, die im Gegensatz dazu an beiden Masten rahgetakelt war, hatte deutlich größere Probleme, bei diesen Windverhältnissen aus der Bucht zu kommen.
David beobachtete die Bemühungen der anderen Crew amüsiert, während die Ocean durch die sanften Wellen glitt. Es war nicht immer von Vorteil, das größte Schiff zu haben, doch Hadley würde nicht umrüsten und wieder auf einen kleineren Segler zurückgreifen. Das ließ sein Stolz nicht zu. So war es für die Ocean kein Problem, die Journey zu überholen, die aufgrund ihres größeren Tiefgangs nicht bis in die seichten Gewässer der Bucht hatte vordringen können.
David schüttelte den Kopf. Eine verdammte Brigg eignete sich kaum für die Karibik. Er traute Lacroix in seinem angeberischen Leichtsinn zu, sich das größte Schiff anzueignen, aber von Hadley hätte er mehr Verstand erwartet.
Aber nun, er würde sich nicht beschweren. Bei dem, was sie vorhatten, konnte die Journey nur hilfreich sein. Sie hatten ihren Plan am vorherigen Abend noch ein wenig überarbeitet. Sie konnten nicht wissen, welches ihrer zwei oder drei Zielschiffe ihrem Versteck hinter der Insel am nächsten wäre, doch welches auch immer es war, Hadley würde es anlocken. So kämen sie nicht in die Situation, dass die Brigg zu früh zu sehen oder zu langsam wäre, wenn der Wind aus der falschen Richtung kam.
Aktuell hatten die Schoner von Lacroix und Colins die besten Karten. Sie hatten als Letzte Segel gesetzt, doch kaum, dass die Ocean die Bucht verlassen hatte, wurde sie bereits von den beiden kleineren Schiffen eingeholt.
Vor ihnen lag eine Reise von gut fünf Tagen, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Die Zeit war äußerst knapp bemessen, doch anders war es ihnen nicht möglich gewesen. Colins hatte die Informationen über das Schatzschiff zu spät erhalten, als dass sie früh genug planen konnten. Vorbereitung brauchte Zeit.
„Captain, wir haben den Kurs aufgenommen und liegen gut im Wind“, erklärte Barnton, sein Steuermann, neben ihm. Er hatte seine Hand locker um einen Griff des Ruders gelegt und sah ihn an.
David nickte, ehe er einen kurzen Blick in die Takelage warf. Er hatte nichts auszusetzen. Seine Männer erledigten ihre Arbeit in einer Perfektion, dass es selbst ihn, der es doch gewohnt sein sollte, immer wieder erstaunte. Und da er somit keine weiteren Befehle für sie hatte, reckte er selbst die Nase in den Wind und genoss die frische Brise, die Augen geschlossen.
Es mochte noch einige Tage hin sein, doch die Aussicht auf eine Prise voller Edelsteine ließ ihn grinsen. Der Großteil ihrer Beute bestand aus Zucker, Rum und Stoffen und all das mussten sie in Nassau umschlagen. Eine Provision an die Geschäftsleute dort und an die Händler zahlen, die es an die Kolonien verteilten. Ein richtiger Schatz jedoch … der war ihrer. Und bei einem ganzen Schatzschiff störte es ihn auch kaum, ihn mit drei anderen Crews teilen zu müssen. Für jeden einzelnen Mann würde genug abfallen, damit diese Fahrt sich gelohnt hatte.
Nun mussten sie nur noch ein wenig auf guten Wind hoffen und ebenso auf ihr Glück vertrauen, dass ihr Prisenschiff lediglich ein kleineres Kriegsschiff in Begleitung hatte. Wie auch auf ihr Können, die Beute zu erlegen.

~*~

David hatte sich gerade im Sand niedergelassen, als ein aufgeregter Ruf erklang und dabei kaum das Kreischen der Möwen übertönte. Er hallte über die Hügel der Insel zu ihnen hinunter an den Strand, noch weit entfernt, und doch war ihm sofort klar, was er ihm sagen sollte. Segel in Sicht.
„Das wurde ja auch mal Zeit!“, schimpfte Lacroix einige Meter neben ihm und David erhob sich wieder. Gedanklich musste er dem anderen zustimmen. Beinahe zwei Tage hatten sie hier verbracht und gewartet. Sie hatten guten Wind gehabt und ihre Prise sich offenbar verspätet.
Er selber brauchte nicht viel sagen, während der Wachposten brüllend und gestikulierend den Hügel hinab gelaufen kam. Die Männer um ihn her setzten sich längst in Bewegung und das galt nicht nur für seine Mannschaft. Von irgendwo konnte er Hadley seine Crew zusammenrufen hören. An ihnen lag es nun, als Erstes auf See zu kommen und die Beute abzufangen.
„Mr. Anderson“, wandte er sich an seinen Quartiermeister, der augenblicklich herbeigeeilt kam, „ich nehme an, die Ocean ist zum Auslaufen und Kämpfen bereit?“
„Aye, Sir, natürlich. Wie Ihr wünschtet, hält sich der Großteil der Mannschaft stets auf dem Schiff auf und sorgt dafür, dass alles in bester Vorbereitung ist.“
„Sehr gut, schickt den Bootsmann mit den Übrigen bereits an Deck. Und am besten geht Ihr auch schon. Ich kümmere mich um den Rest hier.“
„Aye, Captain!“ Anderson eilte davon, obwohl ihnen sicherlich noch genügend Zeit blieb. Doch das schätzte David an ihm. Der Mann ging kein Risiko ein.
Um ihn herum rafften die Piraten die wenigen Gegenstände zusammen, die sie an den Strand mitgebracht hatten, und schleppten alles zu den Beibooten.
Viele riefen aufgeregt durcheinander, freuten sich schon jetzt auf die Beute, waren vielleicht auch nervös wegen des bevorstehenden Kampfes. Noch wusste niemand von ihnen, um wie viele Schiffe es sich handelte. Dennoch gingen sie alle gewissenhaft ihren Aufgaben nach und das meiste war bereits erledigt, als der Wachposten endlich am Strand ankam.
„Sir!“, rief er und schnappte nach Luft. Er war so aufgeregt, dass er den gesamten Weg über gebrüllt hatte, statt sich den Atem zu sparen. „Segel in Sicht, Sir! Zwei Schiffe sind bisher zu sehen. Sie sind schon um die Insel einige Meilen entfernt herum.“
„So nah?“, entfuhr es David. Lacroix trat neben ihn.
„Dann waren Colins‘ Informationen falsch“, murrte sein ehemaliger Bootsmann.
„Aye, entweder das oder sie haben ihre Route geändert.“
„Sir?“, fragte der Wachposten verunsichert. David sah ihn abwartend an.
„Das eine Schiff, Sir, es sieht recht mitgenommen aus. Es scheint das Kriegsschiff zu sein.“
„Ha!“, rief Lacroix aus und in seinem Übermut schlug er David die Hand auf die Schulter.
Deswegen hatten sie sich verspätet und deswegen nahmen sie den Weg an den Inseln entlang. Es war riskant, doch vermutlich wollten sie ihren Schutz ebenso nutzen wie die Piraten, die ihnen auflauerten.
David rieb sich über die Stirn. Dann fasste er einen Entschluss. Wenn sie länger hier herum standen, brachte sie das auch nicht weiter.
„Kommt mit“, wandte er sich an Lacroix und der andere Pirat folgte ihm ohne ein Wort, als David sich auf den Weg die hohen Dünen hinauf machte. Der Wachposten gehörte nicht zu seiner eigenen Mannschaft und unterstand somit nicht seinem Befehl, doch er würde schon wissen, was er zu tun hatte. David wollte sich die beiden Schiffe selbst ansehen.
Alle Anweisungen waren gegeben und noch hatten sie ein wenig Zeit. Bis die Prise an dieser Insel, geschweige denn der Landzunge, war, würde es noch lange genug dauern, dass sie einen Blick riskieren, zu ihren eigenen Schiffen zurückkehren und Segel setzen konnten.
Als sie auf dem Hügel ankamen, war ihr Ziel bereits ohne Fernrohr gut zu erkennen. Dennoch sah David hindurch. Das erste Schiff segelte unbeschädigt vorneweg und wäre schneller bei ihnen. Das Hintere …
„Grundgütiger“, entfuhr es ihm. „Sie ist tatsächlich deutlich beschädigt. Sie muss in einen Kampf verwickelt gewesen sein, vor nicht allzu langer Zeit.“
„Eine Fregatte“, kam es von Lacroix. „Das Navyschiff.“
„Aye.“ Er verabscheute es, dass sich seine Befürchtungen einmal mehr bestätigten.
„Da können wir wohl von Glück reden, dass sie nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte ist.“
David ließ das Fernrohr sinken und sah Lacroix an. Der Mann hatte die Brauen zusammen geschoben und musterte die beiden Schiffe, die sich in der Ferne langsam um die Insel herum schoben. Meistens wirkte er, als wäre das alles ein Spiel für ihn, doch nun ließ er sehen, dass er den Ernst der Lage durchaus erkannt hatte.
„Aye“, meinte David neuerlich, dieses Mal genauso leise und ernst wie der andere Captain. „Damit ist sie machbar, wenn wir sie von drei Seiten angreifen. Wir könnten schnell genug sein, sodass sie keine Breitseite abfeuern kann.“
„Glaubt Ihr, ein drittes Schiff lauert hinter der Insel?“
„Nein. Eine Fregatte sollte reichen als Begleitung. Es sei denn, unsere Informationen sind gänzlich falsch und dieses Schatzschiff hat mehr geladen, als wir erwarten.“
„Aber wie wahrscheinlich ist das, aye? Solch falsche Informationen zu streuen, um sie zu einer angeblich leichteren Beute zu machen.“
David hoffte, dass er Recht hatte. Nur ein Idiot hätte sein Schiff Rich Man’s Tail genannt und damit alle Seeräuber in der Karibik angelockt, wäre das Schiff so reich beladen. „Wir sollten zum Strand zurückgehen und uns auf den Kampf vorbereiten.“
Lacroix neigte den Kopf und ging voraus. Festen Schrittes, ohne sich jedoch zu sehr zu beeilen. Er hatte viel gelernt. Er wollte einen ruhigen und entschlossenen Eindruck vermitteln, um seine Mannschaft nicht in Aufruhr zu versetzen. Vermutlich vor allem deshalb, da sein Platz als Captain in ihrer Hierarchie noch nicht allzu sehr gefestigt war.
Am Strand gaben sie beide die letzten Befehle, informierten die anderen Crews und letztendlich stieg jeder in ein Beiboot, um zu seinem eigenen Schiff zu gelangen.
Als David die Ocean Trail betrat, hatten die Männer längst alles vorbereitet. Anderson empfing ihn am Schanzkleid. „Wir sind bereit, Segel zu setzen.“
„Zunächst ist die Journey dran“, erwiderte er, während er sich auf den Weg zum Achterdeck machte. Dort baute er sich auf und blickte auf die Crew. Kurz holte er tief Luft.
„Männer, die wertvolle Prise kommt direkt auf uns zu. Es läuft wie geplant. Das Schatzschiff segelt voraus und die Journey wird es abfangen. In der Zwischenzeit werden wir uns gemeinsam mit der Adventure und der Queen’s Heart das Schiff der Navy vornehmen. Eine Fregatte.“ Stimmengewirr wurde laut, doch David schnitt ihnen das Wort ab. „Aye, eine Fregatte, doch eine beschädigte.“
Noch während er sprach, nahm er im Augenwinkel wahr, wie die Journey Segel setzte und sein Blick wanderte dorthin. Das war also der Anfang. Es würde nicht lange dauern, bis die Beute ihren Jäger entdeckt hatte. Vermutlich würden sie versuchen, abzudrehen und zu ihrem Begleitschiff zurückzukommen, und dann kämen die kleineren Schiffe der Piraten ins Spiel, die deutlich wendiger und schneller waren. Der Wind stand günstig für sie.
David schwieg, bis die Journey sich um den Ausläufer der Landzunge gekämpft hatte. Auf der Ocean war gespannte Ruhe eingekehrt, jeder erwartete seinen Befehl. Und David wusste, dass er sich auf seine Männer absolut verlassen konnte.
„Segel setzen!“, rief er.

Above All Else 01 – The Ocean Wind’s Desire

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